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  • Angela Müller

Too Small to Succeed? Die Schweizer Kandidatur für den UNO-Sicherheitsrat

Aktualisiert: 30. Nov 2020

Gegründet auf den Trümmern des zweiten Weltkrieges, feiert die UNO dieses Jahr bereits ihren 75. Geburtstag. Die Schweiz ist noch immer einer ihrer jüngsten Mitgliedstaaten. Rund zwei Jahrzehnte nach ihrem Beitritt strebt sie nun einen Sitz im Sicherheitsrat an. Die Kandidatur biete der Schweiz die Gelegenheit, zu zeigen, dass es ihr mit der Verfolgung eines inklusiven und transparenten Ansatzes ernst sei.


(Version en français ci-dessous)

(English version below)


Der Sicherheitsrat, dieses so zentrale Gremium der UNO, welches unter anderem auch rechtlich bindende Beschlüsse fassen kann, besteht auf fünfzehn Mitgliedern, davon fünf permanente und zehn nichtständige, die von der UNO-Generalversammlung für jeweils zwei Jahre unter Berücksichtigung eines regionalen Verteilschlüssels gewählt werden.


Die Schweiz kandidiert – ebenso wie Malta – für einen der beiden Sitze, welcher für ihre Ländergruppe in der Periode 2023/24 vorgesehen ist. Nicht nur aufgrund der (bisher) konkurrenzlosen Situation, sondern auch aufgrund des prägnanten UNO-Profils, das sich die Schweiz über die Jahre geschaffen hat, ist die Chance gross, dass die Kandidatur in einer erfolgreichen Wahl gipfelt.


Die eigentliche Herausforderung für die Schweizer Kampagne – deren Endphase im Sommer unter dem Slogan "A Plus for Peace" eingeläutet wurde – ist also nicht aussenpolitischer Natur: Sie ist eine innenpolitische. Trotz mehrmaliger Bestätigung der Kandidatur durch das Parlament besteht in Politik und Bevölkerung eine weit verbreitete Skepsis zum Nutzen, zur Angemessenheit und zu den Risiken eines aktiven multilateralen Engagements dieses Landes, das mitten in Europa liegt – und irgendwie doch immer ein wenig anders sein will, soll oder kann.

Eine kritische Sichtweise ist sicherlich nie fehl am Platz und kann wichtige Indizien liefern, wo die Schwachpunkte multilateraler Zusammenarbeit liegen und wo entsprechend Initiativen und Reformen nötig sind, um diese zu verbessern. Gerade die Funktionsweise und die machtpolitisch bedingt oft limitierte Handlungsfähigkeit des Sicherheitsrates geben oft gerechtfertigten Anlass zu Kritik.


Nicht selten liegt die erwähnte Skepsis jedoch wohl auch darin begründet, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit multilateraler Politik in der Schweiz auf einem bescheidenen Niveau verharrt. Entsprechend sind auch, in breiten Teilen der Bevölkerung, das Wissen und das Interesse um multilaterale Institutionen und Prozesse bescheiden.


Wenn Maturandinnen und Maturanden 2020 nicht wissen, was der UNO-Sicherheitsrat eigentlich ist – und das kommt vor –, dann scheinen sie schlecht vorbereitet auf unsere globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts, in der die herausforderndsten Bedrohungen – seien sie klimatischer, gesundheitlicher, digitaler, militärischer oder krimineller Art – grenzüberschreitender Natur sind. Diese können nicht mit unilateralen Massnahmen angegangen werden, sondern bedürfen globaler, kooperativer Lösungsansätze. 


Genau für solche Lösungsansätze sind die UNO und der UNO-Sicherheitsrat – trotz all ihrer Verbesserungsmöglichkeiten – der richtige Ort. Als Sicherheitsratsmitglied hätte die Schweiz die Möglichkeit, sich für solche Lösungen einzusetzen und bei deren Ausgestaltung mitzuwirken. Dies reihte sich ein in ihre bald zwei Dekaden alte engagierte UNO-Politik, durch welche sie sich in New York, Genf und anderen UNO-Standorten ein weitum anerkanntes Profil geschaffen hat. Gerade ihre Bemühungen für Reformen der UNO und des Sicherheitsrats machen ihre Kandidatur glaubwürdig und wichtig – wer kritisiert, soll nicht aussen vor bleiben, sondern versuchen, auch von innen etwas zu bewirken und mit gutem Beispiel voranzugehen.


So stünden der Schweiz beispielsweise mehrere Optionen offen, während ihres Einsitzes die Transparenz der Arbeitsmethoden des Rates gegenüber der restlichen UNO-Mitgliedschaft zu fördern. Wer so präsent ist wie die Schweiz im Rahmen ihrer UNO-Politik, wer eine solch wesentliche Beitragszahlerin ist, und wer mit dem Internationalen Genf eine der wichtigsten multilateralen Plattformen beheimatet, sollte mitreden – in verschiedensten Gremien.


Der innenpolitische Elephant in the Room – von dem ein Grossteil der oben erwähnten Skepsis rührt – ist die Neutralität. Neutralitätsrechtlich ist unbestritten, dass ein Einsitz dieser keineswegs widerspricht. Neutralitätspolitisch sollte es dies ebenfalls sein, ist doch Neutralität nicht als Aufruf zur Positionslosigkeit und zum Abseitsstehen zu verstehen, sondern als differenzierte Distanz in Bezug auf akute Konflikte. Sie steht somit nicht in Widerspruch zur Weiterführung des aktiven Schweizer UNO-Engagements im Rahmen des Sicherheitsrats; vielmehr ist dies eine logische Konsequenz. Dies zeigen nicht zuletzt die Erfahrungen anderer neutraler Staaten im Sicherheitsrat, wie Irland, Österreich oder Schweden.


Eine Mitgliedschaft, deren monetäre Kosten für die Schweiz überschaubar wären, bringt zudem grossen aussenpolitischen Nutzen mit sich. Sie eröffnete einmalige Gelegenheiten zum Ausbau des Netzwerkes und des Know-Hows sowie zur Positionierung und zum Einbringen von thematischen Schwerpunkten – zum Beispiel im Rahmen der Ratspräsidentschaft, welche die Mitglieder alternierend für je einen Monat übernehmen. Nicht zuletzt könnte auch das Internationale Genf, dessen Stärkung ein zentraler Pfeiler der Schweizer UNO-Politik darstellt, wesentlich profitieren. 


Die Skepsis, welche die Kandidatur innenpolitisch begleitet, kann nur durch eine partizipative öffentliche Debatte überwunden werden. Nur wenn mit Hilfe von faktenbasierten Argumenten die Bedeutung einer Mitgliedschaft verstanden und breit diskutiert wird, wird diese auch die entsprechende Unterstützung finden. Ein wichtiger Aspekt hierfür ist der Einbezug von Bevölkerung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft, wie es von verschiedenen Seiten auch bereits gefordert wird.


Insofern bietet die Kandidatur auch Gelegenheit für die Schweiz, zu zeigen, dass es ihr mit der Verfolgung eines inklusiven und transparenten Ansatzes – eine Forderung, die sie gerade bezüglich der Arbeitsmethoden des Sicherheitsrates anbringt – ernst ist. Gelingt dies, wird sich zeigen: Die Schweiz ist alles andere als too small to succeed.

Dieser Artikel erschien am 18.9.20 auf swissinfo.ch.

Angela Müller ist Vize-Präsidentin der Gesellschaft Schweiz-UNO

F: Too Small to Succeed? La Suisse au Conseil de sécurité de l’ONU.


Fondées sur les ruines de la Seconde Guerre mondiale, les Nations unies célèbrent leur 75e anniversaire cette année. La Suisse reste l’un de leurs États membres les plus récents. Quelque deux décennies après son adhésion, elle cherche maintenant à obtenir un siège au Conseil de sécurité. Cette candidature est l’occasion pour la Suisse de montrer qu’elle est sérieuse dans sa volonté de poursuivre une approche inclusive et transparente.


Le Conseil de sécurité, cet organe si central de l’ONU, qui peut notamment prendre des décisions juridiquement contraignantes, est composé de quinze membres: cinq permanents et dix non permanents, qui sont élus par l’Assemblée générale des Nations unies pour deux ans, en tenant compte d’une clef de répartition régionale.


La Suisse – comme Malte – est candidate à l’un des deux sièges qui sont réservés à son groupe de pays pour la période 2023/24. Il y a de bonnes chances pour que cette candidature aboutisse, non seulement parce qu’il n’y a (jusqu’à présent) pas de concurrence, mais aussi en raison du profil prégnant que la Suisse s’est forgé à l’ONU au fil des ans.


Le véritable défi de la campagne suisse – dont la phase finale a été annoncée cet été sous le slogan «Un plus pour la paix» – n’est donc pas de nature politique étrangère, mais intérieure. Bien que cette candidature ait été à plusieurs reprises confirmée par le Parlement, il existe un scepticisme généralisé dans le monde politique et dans la population quant aux avantages, à l’opportunité et aux risques d’un engagement multilatéral actif de ce pays, qui est situé au cœur de l’Europe – et qui pourtant, d’une manière ou d’une autre, veut, devrait ou peut, être quelque peu différent.


Un point de vue critique n’est certainement jamais déplacé et peut fournir des indications importantes sur les points faibles de la coopération multilatérale et sur les initiatives et réformes nécessaires pour les améliorer. C’est précisément le fonctionnement du Conseil de sécurité et sa capacité d’action souvent limitée en raison de la politique qui donnent souvent lieu à des critiques justifiées.


Il n’est cependant pas rare que le scepticisme mentionné précédemment soit également dû au fait que le débat public sur la politique multilatérale en Suisse reste à un niveau modeste. En conséquence, de larges pans de la population ont une connaissance et un intérêt modestes pour les institutions et les processus multilatéraux.


Lorsqu’en 2020, des bacheliers ne savent pas ce qu’est réellement le Conseil de sécurité des Nations unies – et cela arrive – ils semblent mal préparés à notre monde globalisé du 21e siècle, dans lequel les plus grandes menaces – qu’elles soient climatiques, sanitaires, numériques, militaires ou criminelles – sont de nature transfrontalière. Ces problèmes ne peuvent pas être résolus par des mesures unilatérales, mais nécessitent des approches globales et coopératives pour trouver des solutions.


C’est précisément pour de telles solutions que l’ONU et son Conseil de sécurité – malgré tout leur potentiel d’amélioration – sont le bon endroit. En tant que membre du Conseil de sécurité, la Suisse aurait la possibilité de s’engager pour ces solutions et de participer à leur élaboration. Cela faisait partie de sa politique engagée envers les Nations unies, qui a maintenant presque vingt ans et lui a donné un profil largement reconnu à New York, à Genève et dans d’autres lieux des Nations unies. Ce sont précisément ses efforts pour réformer l’ONU et le Conseil de sécurité qui rendent sa candidature crédible et importante – ceux qui critiquent ne devraient pas être laissés de côté, mais devraient essayer de faire la différence de l’intérieur et de donner le bon exemple.


Par exemple, la Suisse aurait pendant son mandat plusieurs options pour promouvoir la transparence des méthodes de travail du Conseil auprès du reste des membres de l’ONU. Lorsqu’on est aussi présent que la Suisse dans la politique onusienne, qu’on est un contributeur financier si important et qu’on héberge, avec la Genève internationale, l’une des plus importantes plateformes multilatérales, on devrait avoir son mot à dire - dans une grande variété d’organes.


Le gros problème de politique intérieure que personne ne veut évoquer – d’où provient une grande partie du scepticisme – est la neutralité. Du point de vue du droit de la neutralité, on ne peut contester qu’un siège au Conseil de sécurité n’est en rien incompatible avec elle. D’un point de vue de politique de neutralité, cela devrait également être le cas, car la neutralité ne doit pas être comprise comme un appel à rester sur la touche, mais plutôt comme une distance différenciée par rapport aux conflits aigus. Elle ne contredit donc pas la poursuite de l’engagement onusien de la Suisse au sein du Conseil de sécurité; c’est plutôt une conséquence logique. L’expérience d’autres États neutres au sein du Conseil de sécurité, comme l’Irlande, l’Autriche ou la Suède, en est la preuve.


Une appartenance dont les coûts monétaires seraient gérables pour la Suisse apporterait également des avantages majeurs en matière de politique étrangère. Elle offrirait des possibilités uniques d’étendre le réseau et le savoir-faire, ainsi que de positionner et d’introduire des priorités thématiques - par exemple, dans le cadre de la présidence du Conseil, que les membres prennent en charge à tour de rôle pendant un mois chacun. Enfin et surtout, la Genève internationale, dont le renforcement est un pilier central de la politique suisse des Nations unies, pourrait également en bénéficier considérablement.


Le scepticisme qui accompagne la candidature en politique intérieure ne peut être surmonté que par un débat public participatif. Le soutien nécessaire ne sera trouvé que si l’importance de l’appartenance au Conseil de sécurité est comprise et largement discutée à l’aide d’arguments factuels. Un aspect important est la participation de la population, de la société civile et de la science, comme le réclament déjà divers milieux.

À cet égard, la candidature offre également l’occasion à la Suisse de montrer qu’elle est sérieuse dans sa volonté de poursuivre une approche inclusive et transparente - une exigence qu’elle formule précisément en ce qui concerne les méthodes de travail du Conseil de sécurité. Si elle y parvient, nous verrons que la Suisse est tout sauf too small to succeed.

Cet article a été publié sur swissinfo.ch le 18 septembre 2020.

Angela Müller est vice-président de l'Association Suisse-ONU.

E: Too small to succeed? Switzerland’s candidacy for the UN Security Council


Switzerland is one of the newest members of the United Nations, which celebrates its 75th anniversary this year. Some two decades after joining, the country now has its sights on a seat on the Security Council. But how does this fit in with Swiss neutrality?


The Security Council, a central body of the UN which can, among other things, draw up binding resolutions, includes 15 members, five of whom are permanent. The other ten are elected by the UN General Assembly for a two-year period, according to a formula that distributes the seats by region. Switzerland, like Malta, is a candidate for one of the two seats allocated to its region for 2023-2024. The chances that Switzerland’s campaign will succeed are good – not just because it has no competition so far, but also because of the high profile the country has earned at the UN over the years.


The real challenge for the Swiss campaign, whose final phase was launched in the summer under the slogan “A Plus for Peace”, is not of a diplomatic nature; rather, it has to do with domestic politics. Despite parliament’s repeated confirmation of the candidacy, there is widespread scepticism among politicians and the population about the benefits, appropriateness and risks of active multilateral engagement by a country that lies at the heart of Europe but somehow always manages to stand a little apart.


A critical perspective is never a bad thing and can offer important indications of the weaknesses in multilateral cooperation and the initiatives and reforms necessary to correct these. The Security Council’s way of operating and its frequently limited capacity to take action because of power politics are often a legitimate target for criticism.

But sometimes the reason for the scepticism is that the level of public debate in Switzerland on multilateral policy remains rather basic. Therefore large parts of the population have limited knowledge of and interest in multilateral institutions and processes. If high-school graduates in 2020 don’t know what the UN Security Council is – and that is sometimes the case – then they seem ill-prepared for our globalised world of the 21st century, in which the most challenging threats, whether climatic, health-related, digital, military or criminal, are those that cross borders. These threats cannot be tackled with unilateral measures but require global, cooperative solutions.


Credible candidacy


Despite all their weaknesses, the UN and the UN Security Council are the right forums to work towards these solutions.


As a Security Council member, Switzerland would have the opportunity to engage in finding and shaping solutions. This would be appropriate, given almost two decades of engagement in UN policies that have secured Switzerland a widely acknowledged profile in New York, Geneva and other UN locations.


It is precisely Switzerland’s efforts to reform the UN and the Security Council that make its candidacy credible and important: anyone who is critical shouldn’t remain on the outside but should attempt to have an influence from within and set a good example. With a seat at the table, Switzerland would have plenty of opportunity to promote transparency by the Security Council towards the rest of the UN’s members.

Given Switzerland’s engagement in UN policy, its considerable financial contributions and its role as home to one of the most important multilateral platforms, International Geneva, it should have a voice – across a range of committees.

Elephant in the room

The domestic elephant in the room that is the source of much of the above-mentioned scepticism is Swiss neutrality.

From a legal perspective it’s clear that a seat on the Security Council in no way contradicts neutrality. Politically, the same should apply. Neutrality should not be understood as a commitment to taking no stance and standing aside, but rather as a differentiated distancing from acute conflicts.

Neutrality is not, therefore, irreconcilable with Switzerland’s continuing active UN engagement as a member of the Security Council; in contrast, this is a logical step. This is shown by the experience of other neutral states on the Security Council such as Ireland, Austria and Sweden.

The financial costs for Switzerland would be modest; the diplomatic gains would be considerable. It would offer unique opportunities to extend our network and expertise as well as our position and influence in setting policy priorities – for example during the presidency of the council, which the members take in turns for a month at a time. International Geneva would profit considerably and raising its influence is a central pillar of Switzerland’s UN policy.

Inclusive and transparent approach

The domestic scepticism faced by the candidacy can only be conquered through participative public debate. We will find support only when the importance of membership has been understood and broadly discussed on the basis of factual arguments.

An important aspect of this, already demanded from a number of quarters, is to involve the population, civil society and academia. This means that the candidacy is also an opportunity for Switzerland to show it is serious about taking an inclusive and transparent approach – and this is exactly what it is demanding from the Security Council in terms of its working methods. If this is successful, Switzerland will show that it is by no means too small to succeed.

This article was published on swissinfo.ch on the 18th of September 2020.

Angela Müller is vice-president of the UN Association Switzerland


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